Verwickelt in eine Mordsgeschichte
Dass es kein Ostern ohne Karfreitag gibt, ist zwar eine bittere Pille. Aber vermutlich doch die einzige Medizin, die wirklich hilft.
Autor: Gotthard Fuchs
Die Krankheit, die es zu heilen gilt, heißt Gewalt. Dabei ist keineswegs nur an böse Absicht oder konkrete Gemeinheit gedacht, an Mentalitäten und Strukturen, als läge etwas atmosphärisch in der Luft und fräße sich überall ein wie schlechtes Klima. Das ist zwar seit dem Brudermord Kains ein Dauerthema. Auch die Frage nach dem Leiden steht am Ursprung von Religion(en) überhaupt.
Aber im Anthropozän hat das alles eine dramatische Drehung bekommen. Die Grundsignatur der Moderne sei »Vergewaltigung«, meinten Vordenker wie Max Horkheimer und Theodor W. Adorno schon vor Jahrzehnten. Wo der – weiße männliche – Mensch sich als »Herr und Besitzer« von allem aufmantelt, kann und will er alles seiner Gewalt unterwerfen, auch sich selbst und besonders das Andere seiner selbst: das andere Geschlecht, die Tiere und Pflanzen, die Natur. Alles wird tendenziell verdinglicht und zum Material, aus dem und mit dem sich Neues machen lässt, Risiken und Nebenwirkungen inbegriffen.
Jetzt sind wir Menschen vollends in der Lage, Um- und Mitwelt ganz zu zerstören. Mit dem überhitzten und aufgeheizten Klima sind keineswegs nur meteorologische und ökologische Gefahren benannt, sondern soziale und politische Prozesse. Wie mit dieser dramatischen Weltsituation umgehen und die Lebensverhältnisse entfeinden? Wie sich illusionslos der Diagnose stellen und doch das Beste daraus entstehen lassen?
Wir stammen aus einer großen Liebe
Natürlich sind da alle Kreativkräfte gefragt und viele Gegenbewegungen sind auch im Gange. Und auch die Religionen sind gefragt. Denn in der christlichen Lebensart steht (wird sie authentisch gewagt) ein Opfer unschuldiger Gewalt im Mittelpunkt – aber nicht als leidverliebte Glorifizierung von Gewalt, sondern als Inbild geglückten Lebens trotz allem. Was viele irritiert oder gar abschreckt, ist in Wahrheit der Durchbruch zum Frieden: Denn da wird – im Lichtkegel von Ostern – aufgedeckt, wie verpestet das Klima schon ist und wie die befreiende Alternative dazu zu gewinnen ist. Christentum ist Gewaltanschauung zwecks ihrer Offen-Legung und Heilung.
Die Bibel, das Handbuch, dokumentiert einen tausendjährigen (Ver-) Lernprozess und das mit äußerst realistischer Klarheit. Sie erzählt den Gang der Menschheit seit Kain und Abel als Mordsgeschichte. Aber just vor dieser Ur-Geschichte vom »Sündenfall« haben die frommen Endredaktoren der hebräischen Bibel ein Jubellied auf die Güte der Welt gestellt: Alles ist gut und soll es werden, sehr gut sogar. Alles ist aufs Gelingen gepolt. Trotz aller Gewaltverhältnisse ist immer noch mehr mit dem Guten zu rechnen. Wir sind keine Blindgänger der Evolution, sondern Gottes Geschöpfe: Wir stammen aus einer großen Liebe. Wir wissen zutiefst, was gut ist und guttut.
Umso tragischer das abgründige Gewaltpotential in uns und zwischen uns. »Was bin ich nur für ein Mensch: Das Gute, das ich will, das tue ich nicht; nein, das Böse, was ich nicht will, tue ich« – klagte schon Paulus über den inneren Widerspruch zwischen Wollen und Können (Römer 7,19). Alle wollen Frieden und Wohlergehen, und doch so viel Unrecht und Gewalt!
Der Weg Jesu ist originell hineinverwickelt in diese Mordsgeschichte. Durch sein Leben und Sterben werden vorherrschende Gewalt- und Lügenstrukturen aufgedeckt und wortwörtlich durchkreuzt. Befreiend leuchtet da auf, was von Anfang an der Richtungssinn der Schöpfung ist: Aufgeweckt sein für Gottes Gerechtigkeit und Frieden.
Bis in den letzten Winkel
Aber warum musste Jesus dafür diesen Kreuzweg gehen? Suizidal war er nachweislich nicht. Im Gegenteil: Durch seine Leidenschaft für den schöpferischen Gott wuchs ihm die Kraft zum gewaltfreien Widerstand – und damit auch die Bereitschaft zum Leiden, wo es denn sein muss. Das uralte Sehnsuchtswissen, dass »Gerechtigkeit und Frieden sich küssen« (Psalm 85,11), sehen Christen in Jesu gewaltfreiem Weg der Feindesliebe gebahnt. Was in ihm definitiv schon österlich gelungen ist, soll überall wahr werden. Uralt ist etwa der Brauch, sich im karfreitaglichen Gottesdienst mit dem Gekreuzigten zu konfrontieren (traditionell heißt das: Kreuzverehrung). Sich stellen und nicht länger kneifen und wegschauen, lautet die Botschaft.
Wer karfreitaglich auf Jesus als Opfer mitmenschlicher Gewalt schaut, outet sich zugleich in seiner eigenen Verwicklung in diese Mordsgeschichte. »Gesetzt den Fall, Sie haben noch niemanden umgebracht, wie erklären Sie sich das?« Mit dieser Frage sticht Max Frisch in die Blase, wonach unsereiner ja selbstverständlich das Gute will – mit der Konsequenz, dass die Übeltäter immer »die« anderen sind. Schluss mit diesem Verschiebespiel – stattdessen hinschauen auf ihn, der diesen Teufelskreis sprengt! Jesus ist die Kontrafigur zum Brudermörder Kain.
Zwischen Karfreitag und Osternacht aber der Karsamstag: Wie tot wirkt dieser Tag, keinerlei Gottesdienst soll sein, so massiv klingt der Schock des Karfreitags nach. Vor allem aber: Äußerlich ist nichts los, weil Jesus »hinabgestiegen ist in das Reich des Todes«. Er räumt rigoros auf in den Kellern und Gefängnissen des Todes und der Gewalt – bis in den letzten Winkel. Das Ende von Gewalt und Tod kommt allen Lebenden und Toten zugute.
Aber wann wäre diese Wandlungsarbeit von Kain zu Jesus konkret abgeschlossen? Feindesliebe statt (Gegen-)Gewalt – eine schier unendliche Geschichte. Immerhin ist der Durchbruch geschafft und nicht mehr aus der Welt zu schaffen. Oder mit Johannes vom Kreuz, dem katholischen Bruder Martin Luthers: »Wenn Sie keine Liebe finden, dann bringen Sie Liebe und Sie werden Liebe finden.« Das allein durchbricht die Teufelskreise der Gewalt und schafft wirklich Frieden.
Artikel aus: Magazin zum Kirchenjahr 1/2025.
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