Vom Flüstern des Lebens

Das Osterfest erzählt von der Überwindung der Dunkelheit und des Todes. Auch in Zeiten, in denen scheinbar gar nichts gut ist. 

Autorin: Theresa Brückner

Als ich eintrete, ist die Kirche in Dunkelheit gehüllt. Es ist ruhig, ich höre gedämpfte Stimmen und das Rascheln von Kleidung um mich herum. Auf den Bänken sitzen vereinzelt Menschen zusammen, ich erahne ihre Umrisse und verschwommenen Silhouetten im Halbdunkel. Wir sind hier für die Osternacht – ein Gottesdienst, sehr früh am Morgen des Ostersonntags. Wir warten gemeinsam. Jede Person für sich, mit den eigenen Gedanken ganz nah am Herzen, mitten in dieser Zeit. 


Ich bin heute früh in der Kirche, weil Ostern für mich in all der Unruhe der Welt und zwischen allen Schreckensbildern ein Tag ist, an dem ich der Hoffnung mehr glaube als der Angst. Ostern ist für mich das Flüstern des Lebens, das sich aus der Dunkelheit erhebt und daran erinnert, dass der Tod nicht das Letzte ist.


Ich setze mich auf die knarrende Kirchenbank und warte auf die Hoffnung. Die Luft ist kühl und riecht nach Wachs und Holz. Ich kuschle mich in meinen wohligen Mantel und schließe die Augen. Spüre meine Müdigkeit und gleichzeitig kommen meine Gedanken nicht zur Ruhe. Sie sind überflutet von dunklen Kriegsbildern und Angst. Sie werden mir in die Timeline gespült und ich höre die Schreckensszenarien in den Nachrichten.

Gemeinschaft tut mir gut im Glauben

Ich brauche Trost. Denn das ist Ostern für mich. Ich bin froh, dass jetzt und hier in der Kirche Zeit ist, selbst nichts leisten zu müssen. Ich kann im Gottesdienst einfach sein und die Hoffnung erwarten. Gerade in dieser Zeit.

Ich spüre den alten kalten Boden unter meinen Füßen, der schon so viele Osternächte erlebt hat. Ich streiche über das Wachs der Kerze in meiner Hand und weiß, dass auch die anderen eine Kerze halten. Gemeinschaft tut mir gut im Glauben. Ich erlebe sie, wenn wir digital Gottesdienst feiern, auf Social Media und auch in solchen Momenten, mitten in den alten Mauern, die mir zugleich vertraut und fremd sind.

Die Verbundenheit im Glauben gibt mir Hoffnung. Zu Ostern spüre ich das besonders. Gleichzeitig weiß ich, dass sich viele nicht mehr zuhause fühlen. Weil wir in der Kirche zu lange nicht über die Fehler gesprochen haben, die im Namen der Institution und von Amtsträger:innen verübt wurden. All die Schuld, all die Trauer. Ich möchte eine gerechtere, offenere, machtsensiblere Kultur mitgestalten. Möchte, dass Kirche Schutzraum und Heimat für Glaubende ist.

Wie ein leises: Es wird gut

Dann, ganz leise, beginnt jemand zu sprechen. Es sind Worte, die ich kenne, uralte Worte von Hoffnung und Auferstehung. Sie klingen, als wären sie nur für diese Nacht gemacht. Manche Sätze treffen mich ins Herz. Manche lassen mich nachdenklich abschweifen.

Die erste Kerze wird angezündet, die Osterkerze. Ihr Licht ist klein, flackernd, unsicher. Ein zarter Lichtstrahl, der die Schatten durchbricht. Eine Hand streckt sich vor, eine weitere Kerze entzündet sich, dann die nächste. Das Licht wandert von Mensch zu Mensch durch den Raum. Es huscht durch die Bänke, leuchtet auf in den Händen derer, die vor mir sitzen, und breitet sich aus. Alles wird heller. Alles ist in goldenes Schimmern getaucht. Ich sehe, wie das Gesicht meiner Nachbarin im Schein ihrer Kerze auftaucht. Sie lächelt und ihre Augen blinzeln im Licht.
Es ist ein Moment des Teilens, still und doch voller Bewegung. Ich bin aufgeregt und vorfreudig, als ich meine Kerze an die Flamme heranführe. Der Docht entzündet sich, und plötzlich leuchtet auch vor mir ein Licht auf. Auch ich werde in goldenes Licht getaucht. Die Dunkelheit weicht zurück, Schritt für Schritt. Das Licht erzählt mir: Gott hat den Tod besiegt. Gott ist stärker als alle Dunkelheiten. Daran glaube ich. Das ist Ostern. Es ist nicht plötzlich alles gut. Es ist nicht ganz hell, es ist nicht Tag – aber es ist heller. Es ist dieser Zwischenraum, zwischen Nacht und Morgen. Wie ein leises: Es wird gut.

Die Nacht ist vorbei

Wir beginnen zu singen. Und ich fühle, wie sich etwas in mir löst, wie ich ein Stück der Dunkelheit in mir abstreife, während ich in den goldenen Schein der Kerzen blicke. Da ist dieser kleine Schimmer Hoffnung, den ich brauche für die nächste Zeit. Diese Nacht, sie erzählt von einem Wunder, das über den Tod hinausgeht, von einem Licht, das nicht ausgeht. Und während ich das Wachs der Kerze in meiner Hand spüre, während ich das Licht sehe, das in den Gesichtern der anderen tanzt, fühle ich mich verbunden – mit dem Moment, mit den Menschen, mit einer Hoffnung, die größer ist als ich. Es ist ein leises, tiefes Wissen, dass da mehr ist als das, was ich hier erlebe.

Dann öffnet sich die Tür, und ich trete hinaus in den beginnenden Morgen. Die Kälte der Nacht ist dem Morgenhauch gewichen. Am Horizont zeichnet sich ein heller Streifen ab. Die Luft wird klarer. Ich bleibe stehen, atme tief ein, und es riecht nach frischem Gras, nach Frühling. Die Nacht ist vorbei, der Tag beginnt. Der Alltag geht weiter und die Welt auch. Doch ich trage ein bisschen Hoffnung mit hinaus. Leicht und zart.

 

Dieser Text stammt aus unserem 

Magazin zum Kirchenjahr