Vom Zauber im Anfang
Autorin: Iris Macke
Ich war 14 und Alexander hatte die schönsten Augen der Welt. Mein Herz klopfte Sturm, wenn er den Klassenraum betrat. Und ich war sicher, ihm ging es genauso. Auf meine hellbraune Federtasche aus Leder hatte ich daher in Großbuchstaben geschrieben: „JEDEM ANFANG WOHNT EIN ZAUBER INNE …“ Darauf blickte ich, bevor ich unverwandt zu Alex schaute ... Federtasche … Alex … Federtasche … Alex ... Vielleicht war mein Signal nicht deutlich genug. Zumindest kam Alex bald darauf mit Rabea zusammen. Und meine Federtasche zierte fortan ein dicker schwarzer Balken.
Ach, Hermann Hesse, natürlich sehe ich die Kraft deiner Zeilen. Und ihre Bekanntheit spricht ja auch für sich, wenn auch nicht immer für dich: Wer »Und jedem Anfang wohnt« in eine bekannte Suchmaschine eingibt, erhält die automatische Vervollständigung in: »ein Zauber inne – Goethe«. Dein »Stufen-Gedicht« wird gern zitiert zu Anlässen wie Renteneintritt oder Hochzeit. Und sicher hast du vielen Menschen Trost und Erbauung durch dein Versprechen eines zauberhaften Anfangs geschenkt. Aber je älter ich werde, desto mehr frage ich mich, ob du eigentlich Recht hast. Warum soll denn eigentlich jedem Anfang ein Zauber innewohnen? Oder hat das auch was damit zu tun, dass du drei Mal verheiratet warst? Manche behaupten sogar, die Stufen-Urfassung sei in einer Zeit entstanden, in der du dich von deiner Frau Mia trenntest und einen Anfang mit einer jüngeren Geliebten wagtest.
Ich gehe mit dir soweit mit, dass wir im Leben verschiedene Räume durchschreiten. Alexander war einer meiner Räume, aber auch meine erste eigene Wohnung oder noch viel mehr die Tage nach der Geburt meiner Kinder. Sicher gab es in den Eingangstüren dieser Räume den ein oder anderen überraschenden Zauber. Aber muss der denn gleich jedem Anfang innewohnen? Ich denke an meine Laufrunden. Der schwerste Kilometer ist der erste! Meinen Neugriechisch-Kurs: Wie zauberhaft wurde es erst dann, als ich erste Sätze in der neuen Sprache sprechen konnte! Und meine ersten Tage als Single nach einer langen Beziehung. Haben mein Heulen und Zähneklappern den Zauber da etwa nur übertönt?
»Aller Anfang ist schwer« – nein, davon ich bin auch keine Freundin. Aber ich entfalte mich lieber in der Routine, anstatt eine unbeholfene Anfangszeit als Phase der ultimativen Fehlertoleranz zu preisen.
Vielleicht können wir uns darauf einigen, Hermann: Die Absolutheit deiner Aussage ist – wenn auch sprachlich wunderschön – inhaltlich nicht zutreffend. Was aber sicher jeder und jede von uns kennt, ist die Sehnsucht nach so einem Zauber im Anfang. Diese Sehnsucht hat die Kraft, uns in Bewegung zu bringen. Ob mit zarten, vorsichtigen Schritten oder mit schnellen, übermütigen – Sehnsucht kann zu einem Motor werden, der einen Zauber entstehen lässt.
Sehnsucht ist Sinnsuche. Und als solche vielleicht auch eine göttliche Gabe. Sie muss nicht erfüllt werden. Sie ist viel stärker, wenn sie ihre treibende Kraft wirksam werden lässt. So hilft sie uns beim Loslassen. Beim Weitergehen. Beim Neubeginn. Ein Zauber legt sich auf mich, begnügt sich mit meiner Passivität. Die Sehnsucht zieht mich fort von dieser Unbeweglichkeit. Und wenn ich Ohren und Herz öffne, dann kann ich sie hören – die Sehnsucht, die »uns beschützt und die uns hilft zu leben«.
Artikel aus: Magazin zum Kirchenjahr 1/2024.
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