Von Hütern und Wächterinnen
Schutzengel – brauchen wir! Vielleicht mehr denn je. Aber kann man als aufgeklärter Mensch überhaupt noch an die Existenz von Engeln glauben? Der Michaelistag am 29. September ist ein guter Anlass, genau darüber nachzudenken.
Autor: Fulbert Steffensky
Ich habe Kinder, Enkelkinder und eine Urenkelin. Wie käme ich da ohne Engel aus? So haben wir früher, ehe die Kinder uns entlaufen sind, jeden Abend mit ihnen das Lied Nun ruhen alle Wälder von Paul Gerhardt gesungen und darin die Strophe: Breit aus die Flügel beide, / o Jesu meine Freude, / und nimm dein Küchlein ein. / Will Satan mich verschlingen, / so lass die Englein singen: / Dies Kind soll unverletzet sein. Und ich erinnere mich noch weiter zurück an meine katholische Kindheit. Nach dem Nachtessen und schon im Nachthemd haben auch wir ein Engellied gesungen: Heiliger Schutzengel mein, / lass mich dir empfohlen sein. / Tag und Nacht, ich bitte dich, / beschütze, führ’ und leite mich. / Hilf mir leben recht und fromm, / damit ich zu dir in den Himmel komm.
Dieses katholische Engellied war moralischer und unpoetischer mit der Absichtserklärung: »Damit ich zu dir in den Himmel komm.« Aber es hatte seine besondere Kraft und Schönheit, weil es begleitet war vom Weihwasser und vom Kreuzzeichen, das die Eltern uns auf die Stirn zeichneten. Es war sinnlicher. Bis heute sind die Engel nicht ganz vergessen. Die kleine Bronzefigur eines Engels von Andere Zeiten, hergestellt in der Benediktinerabtei Maria Laach, wird viele Tausende Male bestellt und verschenkt, von Gläubigen wie von Atheisten. Die Menschen scheinen heute eher an Engel zu glauben als an Gott. Auf meinem Pult steht ein solcher Engel. Ich verschenke diese Figuren gelegentlich. Ich selbst habe sie mehrere Male geschenkt bekommen. Wie rechtfertige ich als aufgeklärter Mensch, was ich tue? Wie rechtfertige ich es, dass ich den Engel mit Zuneigung ansehe, jemandem den Schutz der Engel wünsche, jemandem diese Figur schenke?
Wie käme ich ohne Engel aus?
Ich rechtfertige es überhaupt nicht. Es ist ein großes Spiel der Zuneigung zu einem Menschen oder der Hoffnung für ihn. Es ist schön, was ich treibe mit diesem Spiel. Schönheit braucht sich nicht zu rechtfertigen. Schönheit schämt sich nicht vor theologischer Korrektheit und vor der dürren Dame Aufklärung. Schönheit lacht über die kümmerliche Frage: Gibt es überhaupt Engel? Die tiefsten Wahrheiten kommen nicht in der Sprache der Argumente. Sie kommen verschleiert in der Gestalt des Märchens, der Bilder, der Kunst, der Erzählungen. Die tiefste Lebenswahrheit wird erzählt, gespielt, besungen, bebildert. Sie wird nicht bewiesen und nicht doziert.
So frage ich nicht nach der historischen Korrektheit der Lehre von den Engeln. Ich frage nach ihrer Schönheit und ihrer Würde. Diese Schönheit und ihre Würde machen sie glaubwürdig. »Schönheit ist das einzige Überredungsmittel«, heißt es bei dem US-amerikanischen Schriftsteller Thornton Wilder. Ich glaube an Engel, weil ich diesen Glauben an Engel spiele, indem ich diese Figuren verschenke; indem ich sage: Gottes Engel mögen dich behüten. Meine Urenkelin lebt in Bolivien. Wie käme ich ohne die Engel aus, die sie behüten sollen? Ich schenke ihr das altbekannte und verkitschte Bild des Engels, der zwei Kinder behütet, die auf einem wackligen Steg über einen gefährlichen Fluss gehen. Lieber des Kitsches verdächtig sein, als keine Sprache und Bilder für die Behütung meines Urenkelkindes zu haben!
Gott lebt und hilft
Im ersten Buch Mose (Kapitel 1) wird eine geheimnisvolle Geschichte erzählt. »Der Herr« erschien Abraham. Einige Sätze später heißt es nicht mehr »der Herr«, sondern »drei Männer« besuchen Abraham. Er bietet ihnen Speise und Trank. Sie versprechen, dass seine bis dahin unfruchtbare Frau Sara ein Kind gebiert. Am Ende wird der Besuch wieder »der Herr« genannt. Wer ist der Besuch, ist es einer, sind es drei? Vor allem die jüdische Tradition hat in den drei Männern drei Engel gesehen. Ich denke vor allem an das wunderbare Bild von Marc Chagall: »Abraham und die drei Engel«. Die christliche Tradition hat in dem Besuch Gott selbst gesehen, und zwar in seiner dreifaltigen Erscheinung. Ich denke an die Dreifaltigkeitsikone von Andrej Rubljow.
Könnte es sein, dass Gott selbst genannt, gespielt, besungen und erzählt wird in allen Figuren und Erscheinungen der Engel? Könnte es sein, dass der Name Gottes zu groß ist für den Mund und die Augen der Menschen und er darum genannt wird unter den Namen der Engel; mit dem Namen Michael und Gabriel und Uriel und Ariel? Die Wahrheit Gottes ist zu groß für die menschlichen Sinne. Die Engel sind die Lesarten Gottes, besser seine Spielarten. Gibt es Engel? Ich weiß es nicht. Aber ich glaube, dass Gott lebt und hilft, ermahnt, anwesend und abwesend ist in vielen Spielarten, auch im Spiel der Engel. Warum nicht?
Der Theologe Fulbert Steffensky musste nie über Engel predigen. »Den Engeln sei Dank!«, sagt er dazu. »Aber mein liebenswürdiger Begleiter ist der kleine Bronzeengel, den Andere Zeiten in die Welt geschmuggelt hat.«
Artikel aus: Magazin zum Kirchenjahr 3/2023.
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