Wenn das Herz unruhig ist

Pfingsten ist das Fest der Verständigung. Doch wie können wir Gott verstehen?

Autor: Martin Schleske


Der wichtigste Raum meines Werkstatthauses ist der Dachspitz. Nur mit einer steilen Stahlleiter komme ich dort hoch. Unter der Schräge stehen eine alte Holzliege, in der Nische meine Bibel, ein Fußschemel und einige meiner liebsten Bücher. Von oben fällt Licht durch das kleine Dachfenster auf den handgeschnitzten, nach hinten geneigten westafrikanischen Birthing Chair. 


In diesen nur sechs Quadratmeter großen Raum, den ich meine „kleine Klos-terzelle“ nenne, ziehe ich mich – meist mehrmals täglich – für einige Minuten zurück. Ich brauche das tiefe Ausatmen. Wenn ich merke, dass meine Hände das Gefühl für das entstehende Instrument verloren haben, wenn mein Herz unruhig geworden ist, wenn mich Ansprüche unter Druck setzen – hier ist einer der wichtigsten Orte, an de-nen meine Seele Heimat hat. Nur wenn ich selbst „stimmig“ bin, spüre ich das Holz in seinen Resonanzen, seiner Verheißung und seinen Grenzen, spüre den Musiker, dem die werdende Geige einmal zur Stimme werden soll.

Kontemplation

Das schweigende Gebet ist über die Jahre ein Grundbedürfnis in mir geworden. Es heißt nicht, dass ich nichts sage, sondern dass ich Gott wortlos mein Herz zuneige. Ich bin überzeugt: Man merkt einer Seele an, ob sie weiß, was Stille vor Gott bedeutet. Was ist die heilige Stille? Es bedeutet, wunschlos in Gott zu ruhen. Da wird meine Seele in einen Raum wunschlosen Vertrauens geführt. Es ist der wichtigste Raum, es ist das Heiligtum des inneren Lebens. 
Wir müssen nicht leer werden, müssen nicht loslassen. Der Raum ist nicht leer, er ist erfüllt. In der heiligen Stille wird das Liebesgebot zur Erfahrung, es wird ganz von selbst erfüllt: „Du sollst deinen Gott lieb haben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft“ (Lukas 10,27). Wenn Gottes Gegenwart uns einnimmt, uns in diese Stille hineinnimmt, wünschen wir nichts. Dann sagt meine Seele: „Ich wünsche nichts, denn ich habe alles.“


Was einzig geschieht, ist, dass wir liebend eins werden mit dem Namen Gottes, der heißt: Ich bin da. Da ruht die Seele in einer großen Stille, alles wird still in diesem wunschlosen Glück. Die Seele wird gestillt von einer alles umhüllenden, liebenden Gegenwart. Darum heißt es in Psalm 116: „Kehre zurück, meine Seele, in deine Ruhe, denn der Herr hat dir Gutes getan.“


Vielleicht kommt diese Liebe zur Stille, aus der ich täglich lebe und aus der meine Instrumente entstehen, auch daher, dass ich in diese Gegenwart hinein fragen darf: Was willst du mir sagen? Und oft spüre ich, dass Gott mir sagt: Was willst du mich fragen? Die Zeit der Stille ist Dialog, ein liebender Dialog. Und oft ist das Schönste dabei das gemeinsame Schweigen. Mit Gott in Anlehnung zu sein und in dieser Zuneigung zu schweigen, ist schlicht die Freude an der gemeinsamen Gegen-wart. So kann auch entstehen, was ich immer wieder empfinde: Eine Geige zu bauen, bedeutet, mit den Händen beten. Denn auch mit dem Holz bin ich in diesem inneren Dialog.


Das Glück für mich als Geigenbauer ist nicht, dass die Geige einmal außerge-wöhnlich gut gespielt wird, sondern dass ein Mensch mit dem Instrument seine Seele segnet – ihr Gutes tut. Manchmal sind gerade Amateure so dankbare Kunden – das Wort kommt von Amour: Liebe. Ich bin überzeugt: Musik ist letztlich in Klang gegos-senes Gebet. Und dem darf ich als Geigenbauer dienen.

Inspiration

Das meiste an Inspiration und Innovation in meinem Geigenbaueralltag wird nicht im Überfluss, sondern in der Not geboren. Vor einigen Jahren fuhr ich enttäuscht aus Norditalien zurück. Ich hatte dort Holz für meine Geigen gesucht. Die Jahre zuvor hatte ich Glück gehabt, diesmal aber nichts gefunden – nicht ein einziges Stück Klangholz, das die notwendigen Eigenschaften für meine Arbeit hatte. 


Ich liebe es, einzutauchen in die Tiefe der Schwingungen und die Kraft des In-strumentes zu spüren, wie es im Fortissimo den Bogen bremst und diese Dichte und Schönheit des Tones entsteht. Aber solch mächtige Resonanzen, die einen ganzen Saal mit Klang erfüllen, sind nur mit einem außergewöhnlichen Klangholz möglich. Und so fuhr ich zurück aus den Hochwäldern südlich des Alpenhauptkammes und dach-te: »Wie soll ich gute Geigen bauen, wenn ich kein gutes Holz dafür gefunden habe?« 


Dieser Gedanke wurde zum Gebet. Es lässt sich nicht verhindern, dass die Dinge, die mich beschäftigen, sich unwillkürlich in einen Dialog mit Gott verwan-deln. Da sah ich vor meinem inneren Auge ein anderes System, wie es doch gelingen kann, mit einem Holz, das nicht das höchste akustische Potenzial hat, eine klang-mächtige Abstrahlung zu erzielen – eine andere Behandlung und einen anderen Aufbau. Diesem inneren Bild folgte dann ein Jahr lang Arbeit im Akustiklabor. Am Ende aber entstand dadurch mein neues Bratschenmodell – und dadurch entstanden Instrumente mit einer klanglichen Tiefe und Kraft, die es anders nicht gegeben hätte. 


Die Erkenntnis kam nicht aus der Fülle, sondern aus der Not. Was Gott uns zeigt, ist immer hilfreich und bisweilen bitter nötig. Wir versäumen den Segen, wenn wir nicht fragen. Und wir öffnen uns dem Segen, wenn unser ganzes Leben zu einem fragenden Gebet geworden ist.  
Der Verstand kann klug sein – aus Freude am Forschen und Denken habe ich seinerzeit Physik studiert. Aber der Geist ist wie ein Kind in uns. Wenn er sich öffnet, wird er vom Geist Gottes gelehrt und inspiriert – wie es im Neuen Testament heißt: „Der Geist Gottes gibt Zeugnis unserem Geist“ und: „Er wird euch lehren.“ Weil es diesen göttlichen Lehrer gibt, unterscheidet der Urtext des Neuen Testaments zwi-schen Verstand (nous) und Geist (pneuma). So ist Gebet immer auch eine Weisheitszeit, eine Zeit, in der wir hinsehen, was uns gezeigt wird.

Überforderung

Zum Glück spüre ich nicht nur bei der Holzsuche, sondern mehr noch an der Werk-bank immer wieder Phasen der Überforderung, denn sie zeigen: Du kannst das We-sentliche nicht einfach machen! – Aus diesem Holz einen Klang erschaffen, der einmal zum Gesang einer Seele wird? Wie soll das gehen? Das kannst du nicht! 


Dass wir uns überfordert fühlen, ist notwendig. Denn es zeigt, dass der verhei-ßene Weg einzig darin besteht, sich in Anspruch nehmen zu lassen. Ich beanspruche nicht, dass ich es weiß, oder kann, oder es richtig mache. – Aber ich erlaube meinen Händen und meinem Geist den Glauben, dass der Geist Gottes auf sie einwirken kann. So paradox es klingt: Einzig durch die Überforderung bin ich geschützt. Ich stelle mich zur Verfügung, weil ich inmitten der Anforderungen, der Nöte, der Aufga-ben – inmitten der Geschehnisse, die meiner Seele zur Last werden – die Überforde-rung bejahe.


Denn die Überforderung zeigt, dass wir über das Wesentliche nicht verfügen. Die Überforderung sagt nüchtern: Stell dich zur Verfügung! – Das bedeutet: glauben.

 

Artikel aus: Magazin zum Kirchenjahr 2/2024. 
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