Wenn der Himmel sich öffnet

Urlaub heißt, anzukommen in einer anderen Zeit. Diese kann Fülle bedeuten, aber auch Leerlauf.
Und sie kann zu einer heiligen Zeit werden.

Autorin: Nora Steen

Sommer. Die Autolawinen rollen gen Norden und Süden. In den Abflughallen lange Schlangen. Koffer aller Farben und Größen. Menschen, erwartungsfroh. Endlich Urlaub. Berge oder Meer? Hotel oder Campingplatz? Und was, wenn ich mir dieses Jahr keine großen Sprünge leisten kann? Urlaub – zuhause oder mit dem 49-Euro-Ticket Tagesausflüge in die Region machen? Die Erwartungen an den Urlaub sind hoch und der soziale Druck ist es auch: Noch immer werden in vielen Grundschulklassen nach den Sommerferien die Erlebnisse abgefragt. Geschichten darüber geschrieben. Aber was machen die vielen Kinder, die keinen Strand und keine Berge malen können, weil Mama oder Papa arbeiten mussten und die beste Freundin sechs Wochen lang die Playstation war? Die Urlaubszeit ist emotional hoch aufgeladen, eine Luxuszeit, die noch einmal deutlicher die große soziale Spaltung zeigt, die sich durch unsere Gesellschaft zieht. Weil sie sich messen lassen muss an den Bilderbuchträumen, die bei uns mitschwingen, wenn wir an diese meist lang aufgesparten Tage denken. Sie sollen was wert sein. Sie sollen halten, was sie versprechen.

Was aber genau verbinden wir mit dem Wort Urlaub? Wieso sind die Erwartungen so hoch und wieso können wir gerade in diesen Zeiten emotional so tief fallen? 

Die Urlaubszeit ist emotional hoch aufgeladen.

Ein kleiner Plopp

Ich erinnere mich an den See in Schweden. Ich bin zwölf Jahre alt. Unsere Familie ist auf einem alten Holzboot draußen auf dem See. Wunderschöne Landschaft, Stille. Dann fällt meinem Vater der Schlüssel für unsere Holzhütte ins Wasser. Ein kleiner Plopp. Der Schlüssel hinterlässt zarte Wellen, die sich weit bis aufs Wasser ziehen. Wir schauen ins Schwarz des Wassers. Still. Ich bin außer mir vor Schreck, als wäre die Welt nun zu Ende. Natürlich wird alles wieder gut. Aber noch heute könnte ich ein Bild zeichnen von dieser kleinen, eigentlich so unbedeutenden Szene. 

Noch immer mag ich es, im Urlaub in der Natur zu sein. Am besten irgendwo im Nirgendwo, so einfach wie möglich. Im Bulli oder im Zelt, egal. In den Tag leben. Kaffee, Baguette, Wein, Käse. Doch seit wir Kinder haben, müssen mein Mann und ich Kompromisse machen. Sie lassen es sich gern im Hotel gut gehen, genießen das üppige Frühstücksbuffet und den Pool. Wir gönnen ihnen diese Erfahrungen, denn wir wissen, wie sehr sie sich einprägen, die Urlaubserlebnisse. Die Gerüche, Farben, Geschmäcker. Die Stimmungen. 

Im Urlaub haben wir Zeit. Zeit für uns selbst, Zeit für andere, für Entdeckungen und neue Blickwinkel. Wir können dem Unerwarteten Raum geben. Dem, was sonst zu kurz kommt. Wir können Kraftmomente für schlechtere Zeiten sammeln. Zu einer heiligen Zeit kann Urlaub werden, wenn es uns gelingt, all die inneren und äußeren Erwartungen loszulassen. Wenn wir uns für Erfahrungen ganz anderer Art öffnen können. 

Ich reise aus meinem Alltag aus.

Ich reise aus meinem Alltag aus. Ich packe aus, was noch nach zuhause riecht und setze mich dem Fremden aus. Ich orientiere mich. Langsam legt sich die Aufregung. Ich kann ankommen. Und dann – dann ist da erst einmal eine Leere. Eine Leere, die ich im Alltag nicht zulasse, weil dafür keine Zeit ist.

Die Gefühle kommen auch am Tag vorbei

Erinnerungen und Gefühle an eigentlich lang vergessene Augenblicke steigen auf. Sie besuchen mich in der Nacht und bevölkern meine Träume. Der Schlüssel fällt wieder ins Wasser des schwedischen Sees, die Kinderangst kommt hoch. Die Gefühle kommen auch am Tag vorbei, bei langen Autofahrten, Strandspaziergängen oder Bergwanderungen. Manches ordnet sich neu. Manches löst sich auf einmal wie von selbst. Manches löst sich auch nicht. 

Besonders in diesen Situationen mag ich es, mich in einen größeren Raum und einen größeren Kontext zu stellen. Kirchen eignen sich bestens dafür! Ich bin dort gerne allein, zünde im Halbdunkel alter Mauern eine Kerze an. Für jemanden, dem es grad schlecht geht. Oder für mich. Oder für meinen Traum, mit dem ich unterwegs bin. Auch meine Kinder lieben es – und wir stehen still vor dem Lichtermeer. Worte braucht es nicht in diesem Moment. Wir wissen uns getragen von dem tiefen Gefühl, dass schon alles gut werden wird. Dass niemand von uns allein ist. Schlimm finde ich es, wenn eine Kirchentür verschlossen ist. Als ob Gott grad nicht da ist für mich. Kirchen sind heilsame Rastplätze in diesen Zeiten. Sie bergen Ängste, sie geben Hoffnungskraft, sie schenken Licht. Und manchmal ist da jemand, der mir sein Ohr schenkt für meine Geschichte. 

Heilige Orte und Zeiten gibt es viele. Eis essen mit dem Patenkind. Eine Stunde auf der Wiese mitten im Stadtpark. Ein Gespräch mit einem vertrauten Menschen. Oder eben ein paar Minuten in einer leeren Kirche. 

Artikel aus: Magazin zum Kirchenjahr 2/2023. 
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