Wie schön du bist!

Himmelfahrt ist ein gefährliches Fest. Vielleicht sogar das gefährlichste von allen. Das liegt auch an einer Spiritualität, die jahrhundertelang den Himmel der Erde vorgezogen hat.

Autor: Jan Frerichs

Der Himmel ist zum Sehnsuchtsbegriff der christlichen Tradition geworden: »Richtet euren Sinn auf das Himmlische und nicht auf das Irdische!«, ruft Paulus im Neuen Testament (Kolosser 3,2). Paulus würde sich im Grabe umdrehen, wenn er wüsste, was aus seinen Worten gemacht wurde: eine Spiritualität, die den Körper und alle Materie für Schmutz hält. Restmüll, der übrig bleibt, wenn wir »in den Himmel kommen«. Eine Spiritualität, die die Seele vom Körper trennt. Eine Spiritualität, die zudem jahrhundertelang das Fundament gelegt hat für eine radikale (Selbst-)Zerstörung: Die Generationen der vergangenen 200 Jahre tragen die Verantwortung für eine zuvor nie gekannte und umfassende Zerstörung der Mutter Erde, von der die Materie ihren Namen hat (lateinisch: mater = Mutter). Es ist unsere Generation, die final entscheidet, ob das Leben endet oder fortbesteht. 

Es ist daher nicht ganz egal, welche Vorstellungen wir uns über die Himmelfahrt machen. Und es hilft leider auch niemandem, wenn wir die Himmelfahrtsgeschichte einfach für Fantasterei halten. Als erwachsenen Menschen ist uns klar, dass Jesus nicht auf einer Wolke in den Himmel geflogen ist, und nein, es sind höchstwahrscheinlich auch keine Außerirdischen gekommen, die ihn geholt haben. 

Himmelfahrt ist ein Symbol

Es ist nötig, zwischen die Zeilen dieser Geschichte zu schauen. Die Himmelfahrt ist ein Symbol. Der Himmel ist ein Gleichnis für Erkenntnis und Befreiung. Die frühen Christen malten Vögel in die Katakomben als Symbol einer geretteten Seele. Unbeschwert aufsteigen. Befreit von allem, was die Seele belasten könnte. So entfaltet auch der Schmetterling die Flügel. Der Weg dorthin führt durch den Kokon. Und wir können so sagen: NUR der Weg durch den Kokon führt in die Freiheit und die Entfaltung. Das ist alles andere als körperlos oder körperfeindlich. Im Gegenteil: Eine Raupe lässt nicht ihren Körper zurück, sondern sie verwandelt sich wesentlich. Nichts aber geht verloren im Kokon. Alles, alles, jede einzelne Zelle bleibt erhalten. Die Raupe IST im Grunde schon der Schmetterling, wenn sie den Kokon bildet. Die Himmelfahrt ist ein Symbol für Reife und Vollendung. Für volle Bewusstwerdung über das eigene Wesen und Potenzial. Und genau das ist es, was Paulus sagen will: »Richtet euren Sinn auf das Himmlische und nicht auf das Irdische! Denn ihr seid gestorben, und euer Leben ist mit Christus verborgen in Gott.« 

Christus ist ein Name für dieses Potenzial, das in allem wirkt, das lebendig ist. Und den Sinn auf das Himmlische zu richten, heißt nicht, das Irdische aus den Augen zu verlieren. Paulus will das Irdische nicht verteufeln. Er will den Himmel erden. »Was steht ihr da und schaut zum Himmel empor?«, werden – ganz in diesem Sinne – auch die Jünger nach der Himmelfahrt gefragt (Apostelgeschichte 1,11). 

Christus ist ein Name für das Potenzial, das in allem wirkt, das lebendig ist.

So kommt das Licht hinein

Den Sinn auf das Himmlische zu richten, heißt, das Irdische anders zu betrachten, es anzunehmen und von seinem Potenzial her zu sehen. Und da geschieht das Unheil. Eine Spiritualität, die alles Körperliche – und wir könnten auch sagen: alles Raupenhafte – ablehnt, wird niemals erfahren, was Wandlung ist. Sie wird niemals das Potenzial sehen, sondern eben immer nur das Schwere, das Endliche, das Vergängliche. Eine solche Spiritualität führt geradewegs in die Verbitterung. Der »Himmel« bleibt ein Traum, eine körperlose und blutleere Vision, ein spiritueller Firlefanz, der uns abhält vom echten Leben. Genau deshalb werden die Jünger nach der Himmelfahrt aufgefordert, zurückzugehen nach Galiläa, nach Hause, in den Alltag. Das Himmlische ist gerade nicht das Perfekte, das Vergeistigte, das über allen Dingen Schwebende. Perfektionismus und spirituelle Aufblähung hindern uns daran, wahrhaftig wir selbst zu sein. Eine solche Spiritualität versucht, ihre tiefe Verbitterung und Schwermut mit gespielter Leichtigkeit zu überdecken. In Wahrheit weiß sie nicht, was Leichtigkeit ist. Und ich möchte behaupten: An der Leichtigkeit erkennt man die Erlösten. Und am Humor – von »humus«, Erde. Und das wirft nun auch ein Licht auf die Auferstehung und den Tod und überhaupt das ganze Leben von der Geburt an. Dass wir hier sind, ist kein Unfall. Wir müssen nicht »abgeholt« werden. Alles ist gut so. Und genau so hat Jesus den Himmel auf Erden verkündet: »Das Reich Gottes ist mitten unter euch« (Lukas 17,21). Wohlgemerkt heißt es im griechischen Text nicht »mitten unter euch«, sondern wörtlich eben »in euch«. Der Himmel ist schon »in uns«. Das Himmlische ist das Potenzial in jedem und jeder von uns. Es ist schon da. Man kann es nicht oft genug wiederholen. Und um auf das Bild vom Kokon zurückzukommen: Der Schmetterling ist schon da, die Frage ist, ob wir es wagen, mit allem, was wir sind, in den Kokon zu gehen. Uns ganz hinzugeben, mit allem, was unser Leben ausmacht. Nicht nur mit dem vermeintlich Himmlisch-Perfekten, sondern auch mit allem Irdischen, Unperfekten, vielleicht sogar Verwundeten. »Forget your perfect offering. There is a crack in everything«, singt Leonard Cohen in seinem Lied Anthem. Vergiss deinen Perfektionismus. Da ist ein Riss in allem. »That’s how the light gets in.« So kommt das Licht hinein. Vollendete Reife bringt die Wunden zum Leuchten, so wie es der Renaissancemaler Matthias Grünewald (1480 – 1530) im Isenheimer Altarbild zeigt: Es sind unsere Wunden, die da leuchten. 

Perfektionismus und spirituelle Aufblähung hindern uns daran, wahrhaftig wir selbst zu sein. 

Unsere eigene Lebensreise

Wenn wir die Himmelfahrt als Symbol ernst nehmen, dann ist die Reise in den Himmel zurück zum göttlichen Ursprung nichts anderes als ein Bild unserer eigenen Lebensreise. Wir finden nicht zurück zum Ursprung, wenn wir in den Himmel starren. Wir finden zurück zum Ursprung, wenn wir im wahrsten Sinne des Wortes nach Hause gehen, in unsere Heimatorte, zu unseren Familien, an den Arbeitsplatz, in die Gemeinschaft, und dort tun, was das Leben erhält und weitergibt. 

Schmetterlinge, heißt es, können ihre Flügel nicht sehen. Sie sehen also nie, wie schön sie sind. Bei uns Menschen ist das genauso. Und wenn die Raupe als Schmetterling aus dem Kokon herauskommt, kann sie daher auch nur glauben, dass sie tatsächlich ein wunderschönes, flugfähiges und zum Aufstieg begabtes Wesen ist. Himmelfahrt feiern heißt nichts anderes, als uns gegenseitig genau daran zu erinnern. 

Jan Frerichs ist Theologe, Autor und Gründer der franziskanischen Lebenschule barfuß+wild.

Artikel aus: Magazin zum Kirchenjahr 2/2023. 

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