Zupacken und zuhören

Wenn sich das Leben ändert – ob im Großen oder Kleinen, wie jetzt in der Fastenzeit – ist guter Rat gefragt. Doch wenig kann so verletzen wie ein gut gemeinter Ratschlag. 

Autorin: Iris Macke


Ratschläge gehören zu ihrem Job. Die Bonner Sopranistin Sunja Wehmeier lehrt Gesang. Und manchmal fällt ihr die Wahrheit schwer. »Natürlich habe ich auch Schüler, bei denen der musikalische Weg sehr lang werden würde. Da ist es schon schwierig zu sagen, dass es die ein oder andere Baustelle gibt. Ich versuche das dann positiv auszudrücken: Dass es schön wäre, wenn sie sich ganz viel Zeit dafür nehmen, die Töne sauberer zu treffen.« Und damit macht Sunja Wehmeier eigentlich schon alles richtig: Sie ist als professionelle Lehrerin um ihren kompetenten Rat gefragt worden und spiegelt die Wahrheit so, dass sie möglichst niemanden verletzt. 

Doch wie verhält es sich, wenn Freundinnen, Kollegen, Familienmitglieder vermeintlich gute Ratschläge geben? »Ratschläge werden oft als unangenehm wahrgenommen: Ich weiß es besser als du! Dadurch entsteht eine Hierarchie in der Beziehung«, sagt Julia Scharnhorst, Psychologin aus Hetlingen in Schleswig-Holstein. Und dabei hat ungefragter Rat sogar mehr Effekt für Ratgebende als für Ratsuchende, wie eine Studie der kalifornischen Santa Barbara-Universität im Jahr 2019 gezeigt hat: Demnach bekamen jüngere von älteren Schüler:innen Ratschläge, wie man motiviert an Hausaufgaben gehen könne. In der Folge erledigten allerdings die Ratgebenden selbst ihre Aufgaben deutlich eifriger als die, denen sie Rat gegeben hatten. 

›Denk positiv, dann wird alles gut!‹ 

Ungefragter Ratschlag kann aber auch ein Zeichen für Hilflosigkeit sein. Das hat Gesangslehrerin Sunja Wehmeier 2019 selbst erlebt. Damals bekam sie die Diagnose Brustkrebs. »Da kamen dann natürlich diese Standardsprüche wie ›Brustkrebs ist doch gut heilbar‹ oder ›Denk positiv, dann wird alles gut!‹ Ein Freund hat mir Links geschickt, was Homöopathie betrifft. Ich bin nicht dagegen, dass man Dinge begleitend machen kann – aber das ersetzt natürlich keine Chemo. Und da habe ich ganz klar gesagt: ›Das kommt für mich nicht infrage.‹ Ich weiß ja, die meinten es alle nur lieb. Aber was ich oft gemerkt habe: Jemand, der selber noch nicht Krebs oder ganz eng damit zu tun hatte, der kann das schwer nachvollziehen.« Gut aufgehoben fühlte sich Sunja Wehmeier in dieser Zeit besonders in Betroffenengruppen der Sozialen Medien. 

Aber natürlich gibt es auch Ratschläge, die erbeten sind, sogar schon zu biblischen Zeiten. König Salomo wird große Weisheit zugeschrieben sowie die Fähigkeit, nachhaltig Konflikte lösen zu können (1. Könige 5,9). Von weit her sollen Menschen zu ihm gereist sein, um seinen Rat einzuholen. Doch scheint die Gabe des weisen Rates vor allem anderen genützt zu haben: Salomo selbst wurde kritisiert unter anderem wegen seiner Vielweiberei, seinem Hang zum Polytheismus und seiner Maßlosigkeit als Verstoß gegen die Gebote Gottes (1. Könige 11).

Pläne sind zum Scheitern verurteilt

Kreativ und klug also, wenn ein Rat für andere gefragt ist – kurzsichtig, wenn es um die eigene Befindlichkeit geht? Dieses Phänomen hat sogar einen Namen: das Salomo-Paradoxon. Studien zu diesem Phänomen führten zu einem erstaunlichen Ergebnis: Wer mit sich selbst Gespräche führt und sich dabei in der zweiten Person anspricht (»Du schaffst das!«), erfährt eine deutliche Steigerung seines Selbstwertgefühls gegenüber dem, der mit sich selbst in der Ich-Form spricht.

Sind wir uns also vielleicht selbst der beste Ratgeber? Auch beim Fasten? Ist der Königsweg, zwar Ratschläge von anderen einzuholen, sie jedoch zu filtern, weil jeder und jede letztlich selbst am besten weiß, was gut und richtig ist – vor allem dann, wenn man in einer neuen Lebenssituation ist oder sich der Alltag wie beim Fasten für eine gewisse Zeit ändert? »Ich treffe mich mit einer Freundin und schildere ihr die Situation. Und dann kann es passieren, dass ich dadurch selbst viel klarer sehe. Wenn mir selbst die Lösung einfällt, ist das viel nachhaltiger«, sagt Julia Scharnhorst. 

In der Bibel werden sowohl Jesus (Jesaja 9,5) also auch der Heilige Geist (Jesaja 11,2) und Gott selbst (Psalm 119,24) als Ratgeber tituliert. Im Gebet können sie zu Zuhörer werden. Zugleich sind aus biblischer Sicht durchaus auch Mitmenschen gute Ratgeber: »Pläne sind zum Scheitern verurteilt. Wo man aber gemeinsam überlegt, hat man Erfolg.« (Sprüche 15,22)

Ich bin in Gedanken bei dir!

Wie also einen erbetenen Rat adäquat gewähren? Vor der Antwort stehen viele Fragen, sagt die Psychologin: »Zunächst sollte ich den Hintergrund erkunden: Worum geht es eigentlich? Warum machst du das so? Das signalisiert Anteilnahme. Vielleicht stellt man dann überrascht fest: Das Verhalten des anderen folgt einer inneren Logik. Außerdem sollte man seine eigene innere Haltung hinterfragen: Kann ich auch damit leben, wenn der andere meinen Rat nicht befolgt?« Gemeinsam Ideen entwickeln, gut zuhören, Alternativen anschauen – das hilft nicht nur in lebensverändernden Krisen, es kann auch in der Fastenzeit unterstützen, zum Beispiel wenn sich das Vorhaben als wenig realistisch erweist und man sowieso schon dünnhäutig ist.

Zu kritisieren oder die Krise des anderen zu leugnen ist unangebracht, wenn Rat erbeten wurde. Besser ist es zu trösten und das Selbstwertgefühl zu stärken. Das hat auch Sunja Wehmeier erlebt: »Als ich mich während der Chemotherapie bei einem Freund über die Nebenwirkungen beklagte, antwortete der nur lapidar: ›Sei doch froh, dass du in einem Land wie unserem überhaupt so eine gute Therapie kriegst‹. Da musste ich schon schlucken. Aber es gab auch die Freundin, die mit mir zusammen die Chemotage runterzählte und mir immer eine Nachricht schrieb: ›Nur noch fünfmal – Ich bin in Gedanken bei dir!‹«

Und im Alltag fühlte sie sich von den Freunden und Freundinnen am meisten unterstützt, die ihre Unsicherheit aussprachen und Sunja Wehmeier selbst um Rat fragten, was zu tun sei. »Das ist am besten: Miteinander ganz konkret darüber zu sprechen, was gebraucht wird.  Mir hat es um Beispiel geholfen, wenn mir jemand das Kochen abgenommen hat.«

Rituale geben Halt

Wichtig ist: Wer einmal Rat gegeben hat, tut das nicht für alle Zeiten. In einer Freundschaft sollten sich die Beteiligten schnell wieder auf Augenhöhe anschauen. Und in einer Familie verändern sich Rollen, wenn die verpflichtende elterliche Verantwortung endet. Im Übergang geben Rituale Halt, wie Julia Scharnhorst erzählt: »Als meine Tochter 18 geworden ist, habe ich ihr ein Kündigungsschreiben geschickt. Jetzt bin ich raus aus der Mutterrolle, habe ich ihr geschrieben, du bist jetzt ganz für dich selbst verantwortlich – aber ich stehe dir lebenslang als freie Beraterin zur Verfügung. Das hat unserer Beziehung gutgetan, so eine angekündigte Freiwilligkeit. Ich wollte mich nicht mehr in ihr Leben mischen mit tollen Tipps, sondern nur dann kommen, wenn ich gefragt werde. Das hat sich bis heute bewährt!«

 

Dieser Text stammt aus unserem 

Magazin zum Kirchenjahr