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Nahlah Saimeh: Ich bring dich um

Auf dem schwarzen Hintergrund des Buchtitels steht in großen roten Lettern "Ich bring Dich um!"

Hut ab. Nahlah Saimeh, die als Gutachterin Angeklagte nach Mord und Totschlag für das Gericht einschätzt, mag die Menschen. Trotz ihres Jobs, in dem sie seit Jahrzehnten Gewalttäter psychologisch ergründet. Denn ihr Buch zu Gewalt in der Gesellschaft bedient weder Voyeurismus, noch macht es Panik. Stattdessen lädt sie mittels Fallberichten und deren kluger Einordnung dazu ein nachzudenken, unter welchen Bedingungen Hass und Gewalt gedeihen. Aus »Wie schrecklich!«, wird in der Lektüre: »Wie wird eine Gesellschaft gewaltfrei?«

Dabei bleibt Nahlah Saimeh auf sympathische Weise bei dem, was sie kann: In Kapiteln wie »Amok und School Shooting«, »Radikalisierung und Terror« oder »Sexuelle Gewalt« erklärt sie psychologische Entwicklungen aus der Sicht einer forensischen Psychiaterin, dabei bleibt der Ton immer eingängig, verständlich, frei von Fachjargon.

So begreift man, in wie viele Facetten sich Taten und Beweggründe auffächern. Saimeh erhellt die wichtige Unterscheidung, wann eine psychische Erkrankung vorliegt und wann sich andererseits eine dissoziale Persönlichkeit verantworten muss – ein Mensch, der eben gerade nicht verrückt ist, weil ihm bewusst war, dass Menschen zu Schaden kommen. In dessen Denken und Fühlen dennoch buchstäblich die Maßstäbe ver-rückt, also verstellt sind. Nicht selten fallen Größenwahn und größte Bedürftigkeit zusammen, wenn ein Mensch keinen normalen Weg zu Befriedigung von Bedürfnissen wie Bestätigung und Identität findet. Wie oft habe sie von Tätern gehört: »Ich habe alles in mich hineingefressen«, schreibt Saimeh. Bis zum großen Gewaltausbruch. Auch die Übergriffe der Silvesternacht in Köln erhellt sie fachlich – ohne zu rechtfertigen.

Das Buch ist eine unaufgeregte und deshalb in aufgeregten Zeiten umso wertvollere Studie zu Gesellschaft und Gewalt. Saimeh hält ein sachliches Plädoyer für eine Gesellschaft, die jedem Mitglied Selbstwert, Identität und einen Platz in der Gemeinschaft gewährt. Das beste Gegenmittel gegen Hass, so kann man die Psychiaterin paraphrasieren, ist die innere Sicherheit jedes Mitglieds der Gesellschaft – ohne Abwertung, Ausgrenzung und einfache Antworten zu schwierigen Fragen des Zusammenlebens.

Nahlah Saimeh: Ich bring dich um. Hass und Gewalt in unserer Gesellschaft. Salzburg: Ecowin 2017. 20 Euro.