A-
A
A+
Diese Website verwendet Cookies, um Ihnen ein gutes Benutzererlebnis bieten zu können. Wenn Sie unsere Dienste weiterhin nutzen, gehen wir davon aus, dass Sie damit einverstanden sind. Weitere Informationen VERSTANDEN!

Meurisse: Die Leichtigkeit

Zeichnung einer grau gekleideten Frau, die eine Wüste durchquert. Das Bild ist in Grau- und leichten Lilatönen gehalten. Oben der Titel "Die Leichtigkeit".

Der Untertitel lautet »Charlie Hebdo. Der Weg zurück ins Leben«, und genau das beschreibt der feine Karikaturen-Band. In wütenden wie poetischen, und ja, trotz des schweren Themas ironischen Comic-Zeichnungen skizziert Catherine Meurisse ihre Trauer und Schwere nach dem Attentat auf das französische Satiremagazin – dem sie entging, weil sie zu spät dran war für die wöchentliche Konferenz. Sie fragt verzweifelt: Wie erhalte ich die Leichtigkeit zurück, die es für das Weiterleben braucht?

Das Buch ist die Antwort und zeigt viele schöne, nachdenkliche, witzige und ergreifende und spannende Seiten der Suche, von den ersten Tagen, Wochen, Monaten, dem Jahr, bis Catherine Meurisse nach einem Gedächtnisverlust und nur noch »Chaos im Kopf« einen Weg findet. Sie malt aus, wie das Leben mit Polizeischutz aussieht, wie der solidarische, jedoch sogar in einer Zuflucht auf dem Lande allgegenwärtige Slogan »Je suis Charlie« sie gnadenlos zurückführt zu dem Moment, an dem sie die tödlichen Schüsse vom Büro nebenan mithört, in die Situation, in der sie nicht nur enge Freunde und Kollegen, sondern jede Sicherheit und Zuversicht verliert.

Schönheit und Kunst machen die Zeichnungen so traurig wie tröstlich. Herrlich ist jedoch auch der witzige Blick auf allzu Menschliches oder Absurditäten, den Meurisse uns schenkt. Denn entlang des Entsetzens entdeckt sie schräge Szenen, vom friedlichen Sonnenuntergang am Meer, der zum Albtraum wird, als sich Himmel und Wasser zuletzt (blut)rot färben. Von den Avancen eines ihrer Personenschützer im falschen Moment, vom Stelldichein mit dem Ex-Liebhaber, bei dem sie in der Umarmung in einem buchstäblichen Wasserfall von Tränen zerfließt und er es kaum fassen kann. Sie erinnert sich an ihren Anfang bei »Charlie Hebdo«, lässt die Kollegen in Reminiszenzen und imaginierten Szenen aufleben. Sie träumt sich gegen Ende in ein Treffen mit dem Romancier Stendhal im Forum Romanum in Rom. Eine Kostprobe des Humors: »Mit meinem Presseausweis bring ich Sie umsonst mit rein, Herr Stendhal«, sagt sie. »Schon gut, ich hab die Seniorenkarte«, ist seine Antwort, bevor sich die beiden über die Attacken von Barbaren auf Leben und Kunst unterhalten.

Am Ende ist der Band therapeutisches Zeichnen und Kunst zugleich. Genau dort, in der Schönheit der Kunst, sucht Meurisse Trost. Doch zunächst scheinen alle Statuen und Bilder nur Variationen des Attentats zu sein, bis sie ein bisschen Hoffnung und Leichtigkeit in den Details wiederfindet.

Das Buch ist eine Hommage an die verlorenen Kollegen, an den Verlust des Vertrauens und ein Tagebuch des Weges in die Heilung. Es illustriert, wie man zurück zu einer Perspektive auf das Leben kommt – nach dem Schrecken.  

Catherine Meurisse: Die Leichtigkeit. Charly Hebdo. Der Weg zurück ins Leben. Carlsen 2017. 20 Euro.