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Diedrichs: Woran stirbt Jesus Christus? Die Kreuzigungstafeln des Isenheimer Altars

Jesus Christus gilt er als der »Schmerzensmann« schlechthin: Er wurde gegeißelt und bespuckt, mit Dornen gekrönt und ans Kreuz geschlagen, man gab ihm mit Galle vermischten Wein zu trinken und stieß ihm am Ende einen Speer in Seite.

Unzählige Kreuzigungsszenen setzen dieses Leiden und Sterben Jesu ins Bild. Doch geschieht das auf höchst unterschiedliche Weise. Auf einer der ältesten bekannten Darstellungen, einem Holzrelief auf der Tür der Kirche S. Sabina in Rom von 432, steht Christus mit ausgestreckten Armen, hocherhobenen Hauptes und ohne Dornenkrone zusammen den ebenfalls gekreuzigten Häschern vor nur angedeuteten Kreuzen. Eine theologisch pointierte Aussage: Buchstäblich im Vordergrund steht die Überwindung des Todes durch Christus. Von Schmerz keine Spur.

Am anderen Ende der Skala steht der sogenannte Isenheimer Altar des Malers Matthias Grünewald, der gerade dafür bekannt ist, die Grausamkeit des Todes Jesu ungeschönt in den Blick zu nehmen. Allerdings, so der Kunsthistoriker Christof Diedrichs, stehen bei der Darstellung Grünewalds weniger Schmerzen und Wundmale einer Kreuzigung als vielmehr Merkmale einer anderen, besonderen Leidensgeschichte  im Fokus.

Diedrichs entdeckt bei genauerem Hinsehen, im Vergleich mit motivgleichen Gemälden sowie durch Konsultation zeitgenössischer Fachliteratur zur »Wundartzney« einige ikonografische »Überraschungen«. Grünewalds imposantes Bild zeige nicht den toten, sondern einen noch lebenden und leidenden Christus. Dessen Qual sei nur teilweise auf den historischen Marter- und Kreuzigungsvorgang zurückzuführen: Die blauen Lippen und der schmerzhaft eingezogene Brustkorb würden akute Atemnot signalisieren, die verkrampften Hände würden bis in die Extremitäten reichende Spasmen dokumentieren und die nichtblutenden Schwären auf seiner Haut würden nicht auf äußere Einwirkung wie eine Geißelung hindeuten, sondern auf ein von innen wirkendes Krankheitsgeschehen – kurzum: Der Christus des Matthias Grünewald würde alle Anzeichen der damals grassierenden Mutterkornvergiftung (Ergotismus) aufweisen. Die Mönche des Isenheimer Antoniterklosters, für dessen Spitalkirche das Altarbild in Auftrag gegeben wurde, seien auf die Bekämpfung dieser Krankheit nachgerade spezialisiert gewesen. Das Bild wende sich mithin direkt an die Erkrankten, ihre Angehörigen, Pfleger und Ärzte.

Die historischen Umstände, die unübersehbare Platzierung des Altars in der (1836 abgerissenen) Isenheimer Spitalkirche, der gesamte »funktionale Kontext« stützen diese These. Diedrichs leitet daraus folgende Botschaft ab: »Der Kranke leidet wie Christus und wie Christus stirbt er aufgrund dieses Leidens. Aber damit nicht genug, wird ihm auf diesem Weg – durch die damit zusammenhängende Theologie – implizit ebenfalls versprochen, dass er mit ihm auch auferstehen wird.«

Diedrichs wählt das Präsens für seine titelgebende Frage: Woran stirbt Jesus Christus? Denn aus künstlerischer Perspektive, die sich mit diesem spezifischen theologischen Blickwinkel in Einklang weiß, kann das Kreuzigungsgeschehen immer wieder aktualisiert, immer wieder neu visualisiert, verstanden und vermittelt werden.

Christof Diedrichs: Woran stirbt Jesus Christus? Und warum? Die Kreuzigungstafeln des Isenheimer Altars von Mathis Gothard Nithard, genannt Grünewald. BoD Books on Demand 2018. 12,99 Euro.